Dipl. Psychologin Hanne Seemann 
                                                      Psychotherapie, Beratung und Coaching

Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen


Denn die Psyche leidet mit -

Bei chronischen Leiden, wie z. B. Migräne und chronischen Rückenschmerzen, sind die psychischen Komponenten wichtig, Familie und Umfeld können wichtige Schmerz-Chronifizierungsfaktoren darstellen.
Ein rein medikamentöser Therapieansatz ist daher bei chronischen Erkrankungen oft zum Scheitern verurteilt.

Über die Möglichkeiten der Hypnotherapie bei diesen Krankheitsbildern informierte Dipl.-Psych. Hanne Seemann beim Deutschen Schmerztag.



Rezension von Stephanie Kraus, Haidholzen


S.W.Kraus@t-online.de

Literatur:  Seemann, H. (2013) Kopfschmerzkinder. Was Eltern, Lehrer und Therapeuten tun können. Stuttgart: Klett-Cotta

Kinder mit Migräne sind sehr reizoffen und hypersensitiv. Die Migräne ist aus der Sicht der Psychologen eine Reizver- arbeitungsstörung, die sich durch eine erhöhte Reizsensibilität auszeichnet.

Dies kann als Schwäche, aber zugleich auch als Stärke interpretiert werden: Zwar können sich die Kinder nicht auf ihren Körper/ihre Konstitution verlassen, aber in der Schule sind sie meist sehr leistungsorientiert, ehrgeizig, perfektionistisch und lebenshungrig. Sie gleichen „feinnervigen Hochleistungspferden“, und daher sollte man sie auch lieber loben und ihnen diese Reizverarbeitungsstörung als Bonus zugestehen. Migränekinder haben oft überprotektive Mütter, gegen die sich die Kinder im Unterschied zu Asthmakindern nicht auflehnen. Die Kinder sind freundlich, angepasst, kooperativ, hoch-compliant und tun fast zwanghaft alles, was sie müssen. Ziel der Hypnotherapie bei Kopfschmerzkindern ist daher, dass sich die Betroffenen mit ihrer erhöhten Reizsensibilität aussöhnen.



Lösungs- und ressourcenorientierte Therapie

Grundlage der Hypnotherapie ist die wertungsfreie Selbsterkennung und -bestimmung des Patienten, erläuterte HANNE SEEMANN, Heidelberg. Die Patienten müssen und dürfen so sein wie sie sind – ohne Kritik! Dazu ist es erforderlich, dass

  1. die Probleme mit einer exakten Schmerzanamnese analysiert werden (Wann und wo treten Kopfschmerzen auf, welche Begleitstörungen, wie oft...) und
  2. daran eine Lösungsanalyse angeknüpft wird (Wann und wo keine Schmerzen, unter welchen Bedingungen geht es dir gut?). Last not least Bildarchiv DGS
  3. die Defizite (Was kann das Kind nicht, wo weicht es von der Norm ab?) und die Ressourcen (Wo und wann ist das Kind besonders gut, wann achten Sie es?) müssen im Vorfeld individuell analysiert werden.



Hypnotherapie

Hauptziel der Kinderkopfschmerz-Gruppentherapie ist, dass die Kinder wählen lernen, in Balance zu sein. Dies lässt sich über Teilziele wie Körperwahrnehmung, Reizabschirmung, Schmerzbewältigung, Entspannungstechniken, Umgang mit schwierigen Gefühlen, Leichtigkeit des Seins, Selbstwertstärkung, Autonomie und Selbstständigkeit erreichen. In einzelnen Stunden werden die Themen „Wissen, Spüren, Fühlen, was mein Körper sagt und braucht, Schutz und Rückzug, den eigenen Rhythmus finden, Informationen über und Umgang mit Schmerzen, die progressive Muskelrelaxation, Qi-Gong, Entspannungsgeschichten, ein sozialverträglicher Ausdruck von Wut, Ärger, Aggression, eigene Bedürfnisse, Sorgen und Probleme wahrzunehmen, Vertrauen in den Körper, Vertrauen ins Unbewusste, Mut, Kraft, Standhalten, Flüchten, eigene Wege gehen“ vermittelt. Die Hypnotherapie soll zu einem autonomen Schmerzmanagement führen und das Hineinschlüpfen in den eigenen Körper ermöglichen: „Frage Deinen Körper, wie es ihm geht“.

Am Beispiel einer Gruppensitzung mit dem Thema Waldspaziergang illustrierte die Heidelberger Psychosomatikerin wie die Kinder spielerisch diese Inhalte vermittelt bekommen. Es wird eine Entspannungsgeschichte „Waldspaziergang“ vorgelesen und unter einem Tuch werden Dinge wie Moos, Blätter, Tannennadeln, Steine in der Wasserschale etc. versteckt, die die Sensorik anregen. Mit einer Imaginationsübung sollen die Kinder diese Gegenstände erraten, Waldgeruch wird erzeugt, und bei Musik geraten die Kinder in Trance. Nach dieser Sitzung werden die Kinder von Reizen abgeschirmt, sie sollen durch Schutz und Rückzug ihren eigenen Rhythmus finden (sich quasi unter einen Mantel oder einen Regenschirm setzen). Bei einer Lärmübung üben sie, diese Reize abzublocken. In der Wutstunde wird der Umgang mit schwierigen Gefühlen wie Wut, Ärger und Aggression gelernt, es gilt, diese Gefühle sozialverträglich auszudrücken und nicht zu unterdrücken.

Nach einem geselligen Eingangsritual mit dem Rückblick auf die vergangene Woche werden die Kinder über das Thema informiert, und die Kinder dürfen auf Wutzettel schreiben, was sie wütend macht, wie sie damit umgehen und später diese anonymen Zettel vernichten. Bei der Nachbesprechung wird geklärt, wer die Übung gut gebrauchen konnte, wer nicht, und inwieweit sich die Wut durch diese Übung verändert hat. In einer Übung mit Schlaginstrumenten kann die Wut zum Ausdruck gebracht werden, oder alternativ wird die Wutstunde mit einer Kurzform der progressiven Muskelrelaxation beendet, und die Kinder werden verabschiedet. Mit der Hypnotherapie werden Migräneattacken deutlich seltener und die Kinder lernen, ihre Migräneattacken besser zu bewältigen oder gar rechtzeitig abzufangen.



Familie und Umfeld als Motor 
der Schmerzchronifizierung


Wann chronifizieren Schmerzen bereits bei Kindern? Aus der Sicht der Psychologin sind die Ursachen der Schmerzchronifizierung oft im emotionalen Bereich zu finden. „Kinder halten furchtbar viel aus, wenn sie in einer Familie leben, in der sie sich emotional geborgen fühlen“, so SEEMANN. Patienten, die zur Schmerzchronifizierung neigen – „Pain prone Patients“ nach ENGELL – erleben dagegen den Schmerz als psychischen Regulator zum Ausgleich von Schuldgefühlen. Aggression und Wut, emotionale Deprivation, Feindseligkeit, Missbrauch, Misshandlung, eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung prädisponieren zu einer „Schmerzkarriere“.

Auch FALTER et al. zeigten, dass emotionale Vernachlässigung, Gefühlskälte, Ablehnung, Gewalt und Misshandlung, Alkohol, Drogenmissbrauch, Verlust des Elternteils, häufige Schmerzerfahrungen in der Familie, psychosoziale Schwierigkeiten und ein niedriges Bildungsniveau der Mütter Risikofaktoren darstellen. Von der Seite der Kinder sind psychosoziale Komorbidität, Schulstress, Ängstlichkeit, mangelhafte Copingfertigkeiten (Katastrophisieren), fehlende protektive Faktoren Risiken für eine Chronifizierung der Leiden. 

Einen Schutz stellt neben der behüteten, emotionalen Familiensituation ein hohes Maß an Selbstwertgefühl dar. Nach dem system-/familientherapeutischen Konzept haben Schmerzen bei einer fragilen Familiensituation oft eine systemstabilisierende Funktion und werden zur Überlebensstrategie. Nach den lerntheoretischen Konzepten gibt es oft Schmerzmodelle in der Familie (Schonverhalten, Medikamentenkonsum) und eine Schmerzverstärkung, z.B. durch emotionale Zuwendung und Entlastung bei Schmerzen (FLOR et al., 1995). Untersuchungen der Heidelberger Gruppe von HANNE SEEMANN zeigten bei Kopfschmerzkindern, dass die Familie oft die Quelle der Kopfschmerzen ist (unhappy at home). Migränekinder mit sehr starken Vätern und hochgradig schmerzsensible Mütter bei Kindern mit Spannungskopfschmerzen sind häufig. Die Bevormundung und Überprotektion durch die Eltern ist bei Migränekindern gepaart mit Anpassung und Unterwerfung (während sich Asthmakinder bei dieser Konstellation dagegen auflehnen). Kopfschmerzkinder reagieren in Stresssituationen häufig mit funktionellen Körperstörungen, Müdigkeit, Rückzug, Angst. Wie die lösungsorientierte, kindzentrierte Gruppentherapie zeigte, hängt der Erfolg davon ab, inwieweit das familiäre Beziehungsmuster geändert wurde. Bei der 12-wöchigen Gruppentherapie wurde der Schwerpunkt auf die Beratung und Stärkung der Kinder gelegt. Nur in zwei Elternabenden und einer abschließenden Familienberatung wurde die Familie explizit mit einbezogen.

Die Kinder sollten lernen, einer übermäßigen Stimulation standzuhalten (unter den Regenschirm setzen), mit dem eigenen Körper umzugehen, Bindung versus Autonomie, Erzählungen über Krankheit, Einbeziehung in Elternkonflikte, Leistungsorientierung, und negative Gefühle auszudrücken. Die Ergebnisse der Behandlung von 38 Kindern im Alter von 11,4 Jahren mit einer durchschnittlichen Kopfschmerz-/ Migränedauer von 50 Monaten zeigen eindrücklich die Bedeutung des Umfelds: Während die Kopfschmerzbelastung bei Mitgehen der Familie von 6,7 auf 2,3 Tagen pro Monat sank, blieb sie bei unveränderter Familienstruktur fast gleich (Rückgang von 6,1 auf 5,1). Die Familie, so warnte SEEMANN, wird meist nicht absichtlich zum Motor der Schmerzchronifizierung, sondern aus Unwissenheit und Hilflosigkeit.


Als Therapeuten können wir bei schwierigen Familien nur die Kinder beeinflussen und ihnen das Vertrauen geben, dass es besser wird, wenn sie erwachsen werden und sie sich dann einen geeigneteren Platz an der Sonne suchen können.



Was leistet der Psychologe bei Rückenschmerzen?


Auch bei chronischen Rückenschmerzen hat die begleitende Psycho- und Verhaltenstherapie ihren Stellenwert, betonte SEEMANN. Ein variationsreiches psychologisches Therapieangebot, z.B. progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training, Imaginationstraining, Selbsthypnose, Atementspannung, Körpertraining mit Krankengymnastik, Fitnesstraining, Qi-Gong, Yoga etc. ist vonnöten, da nur mit diesem psychologischen Hintergrund ein längerfristiger Therapieerfolg eintreten kann. Biographisch findet sich bei Rückenschmerzpatienten oft eine frühe Übernahme der Erwachsenenaufgaben, die Erfahrung von rücksichtsloser Behandlung (physisch/psychisch) und ein unguter Umgang mit Konflikten in der Herkunftsfamilie („Sündenbock“). Typische Verhaltensweisen der Rückenschmerzpatienten vor dem Trauma sind Leistungswille, Durchhalten um jeden Preis, Helfen wollen und Konflikte vermeiden. Durch die Rückenschmerzen kippen die früheren Verhaltensweisen in ihr Gegenteil, es kommt zur Bewegungsverweigerung, Leistungsverweigerung, Beeinträchtigung in vielen Lebensbereichen, der Angst vor der Retraumatisierung und einem Vermeidungsverhalten. Der Rückenschmerz stellt eine Ordnungsstörung dar, die zur Unbeweglichkeit und Erstarrung führt, zur Störung der räumlichen Orientierung (Alexithymie), einer Dysbalance in der Orientierung auf Außen- und Innenwelt. Beim psychologischen Beratungsgespräch gilt es, die pathogenen Faktoren zu erfassen und richtig zu beeinflussen.

Bei Arbeitsunzufriedenheit sollte Zufriedenheit in anderen Lebensbereichen als Ausgleich gesucht werden, statt Durchhalten um jeden Preis. Die Arbeitsleistung sollte an die eigene Tagesform angepasst werden, statt des 150%igen Leistungswillens sollten variable Standards für verschiedene Leistungsarten gesucht werden und statt Vermeidung aus Angst sollte Vermeidung als Strategie genutzt werden.

Schonung sollte mit Bewegung kombiniert werden, anstelle zu katastrophisieren und negative Erwartungen zu hegen sollten bei den Patienten Zuversicht und Wünsche geweckt werden. Der drohenden Bewegungseinschränkung ist durch Ausweiten psychosozialer Spielräume entgegenzutreten. Im Gespräch mit Rückenschmerzpatienten ohne organischen Befund sollte nicht gesagt werden „es ist nichts“, sondern „Ihr Körper merkt, dass etwas nicht stimmt – vielleicht mit Ihrer Lebensführung, ohne diese Schmerzen hätten Sie das nicht bemerkt“. Die Selbstwahrnehmung sollte gefördert werden, statt „Beachten Sie diese Schmerzen nicht“, ist Bewegung und Fitness in allen Bereichen (sozial, psychisch, geistig) sinnvoll, nicht nur das Körpertraining.


Wichtig ist eine lösungs- und zukunftsorientierte Therapie („Heute beginnt für Sie der erste Tag eines bewussteren, bekömmlicheren Lebens. Wenn Sie nächstes Jahr zurückblicken, an was möchten Sie sich gerne erinnern?“) statt problemorientiert mit erhobenem Zeigefinger auf die Fehler der Vergangenheit zu blicken.